Drei Fragen an Jürgen Roters

Oberbürgermeister der Stadt Köln von 2009 bis 2015

Jürgen Roters (SPD) ist ein studierter Jurist mit dem ersten und zweiten Staatsexamen. Er amtierte vom 21. Oktober 2009 bis zum 20. Oktober 2015 als Oberbürgermeister der Stadt Köln.
Als  Büroleiter des nordrhein-westfälischen Innenministers beriet Jürgen Roters unter anderem das russische Innenministerium bei der Neuformierung und Entmilitarisierung der Polizei im Zuge der Perestroika. Er leistete außerdem die umfangreiche Unterstützung bei der Renovierung der Kinderklinik in Minsk, Belarus.  In seiner Funktion als Polizeipräsident der Stadt Köln von 1994 bis 1999 initiierte Jürgen Roters im Rahmen der Städtepartnerschaft  ein Austauschprogramm mit der Polizei von Wolgograd.   Als Regierungspräsident und später als Oberbürgermeister der Stadt Köln trug er entscheidend zur Weiterentwicklung der Städtepartnerschaft Köln – Wolgogradbeiund unterstützte den Kölner Wolgogradverein bei seinen vielfältigen Projekten. Seit 2016 engagiert sich Jürgen Roters als Schirmherr der Kommunalprogramme des Deutsch-Russischen Forums e.V.
 

1.    Sehr geehrter Herr Roters, Sie haben in einem Interview die Städtepartnerschaften als Bürgerinitiativen des Friedens bezeichnet. Haben diese Initiativen noch eine Chance in Angesicht der weiter wachsenden Entfremdung zwischen Deutschland und Russland?

Jürgen Roters: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die sich in Städtepartnerschaften engagieren, ein friedliches Miteinander wollen. Für sie ist gegenseitiges Verständnis und ein respektvoller Umgang bei internationalen Begegnungen ein hohes Gut. Gerade die gegenseitigen Begegnungen und Kontakte tragen mit dazu bei, Vorurteile abzubauen und Verständnis für die Interessen der anderen Seite aufzubringen. Dabei mangelt es nicht an einem kritischen Dialog und auch nicht an streitigen Auseinandersetzungen. Das ist gut so, denn unterschiedliche Auffassungen sollen nicht unter den Tisch gekehrt werden, sondern in freier Auseinandersetzung miteinander diskutiert werden.

Die letzten Partnerschaftskonferenzen von Karlsruhe (2015) und Krasnodar (2017) haben dies deutlich gemacht. Die zum Teil unterschiedlichen Auffassungen zum Krim-/Ukraine-Konflikt wurden offen angesprochen. Allerdings nicht unter dem Gesichtspunkt von gegenseitigen Schuldvorwürfen, sondern mit der Zielsetzung, einer weiteren Entfremdung zwischen Deutschland und Russland entgegen zu wirken. Denn Städtepartnerschaften erhalten ihren Bestand auch dann, wenn in der "großen" Politik und Diplomatie der Dialog schwierig ist oder gar zum Erliegen kommt. Ungeachtet der politischen Großwetterlage funktionieren Städtepartnerschaften; es werden auch weiterhin gemeinsame Projekte und Programme umgesetzt und gegenseitige Besuche organisiert. Fast hat man den Eindruck, als würden die Kontakte in schwieriger politischer Zeit noch verstärkt und neue Aktivitäten in Angriff genommen.

Das ist inzwischen auch in der Regierungspolitik angekommen.

Deutsche und russische Regierung haben anerkannt, dass die Förderung der beiderseitigen Bürgerbegegnungen ein wichtiges Instrument ist, verlorengegangenes Vertrauen wieder aufzubauen. Insoweit ist die Ausrufung des "Deutsch-Russischen Jahres der kommunalen und regionalen Partnerschaften" durch beide Außenminister ein Anerkenntnis der Bedeutung und der Leistungen von Städtepartnerschaften, aber auch ein Auftrag, durch gute und neue Programme die beiderseitigen Verbindungen zu stärken.
 

2.     Mehr als 20 Partnerschaften pflegt die Stadt Köln. Eine davon ist mit der Stadt Wolgograd. Viele Jahre haben Sie die Städtepartnerschaft mit Wolgograd begleitet und gefördert. Gibt es Besonderheiten in der kommunalen Kooperation mit russischen Partnern?

Jürgen Roters:  Wie wohl keine andere deutsche Stadt verfügt Köln über eine Vielzahl von Städtepartnerschaften. Und das Wichtige ist dabei, dass alle diese Partnerschaften nicht nur auf dem Papier stehen, sondern durch vielfältige Begegnungen und Projekte gelebt werden.

Mit Wolgograd gibt es eine langjährige Beziehung, die gegenseitige Besuche von Gruppen und Vereinen ebenso umfasst, wie ein Austausch im Bereich der Kultur und des Sports. Aber eine Besonderheit zeichnet die Partnerschaft mit Wolgograd aus: Es ist die Erinnerung an die schrecklichen Kriegsereignisse der Schlacht von Stalingrad, die die deutsche Wehrmacht und die national-sozialistische Expansionspolitik zu verantworten hatten. Die gegenseitigen Kontakte von Kölnern und Wolgograder Bürgern sind von einem ganz besonderen Friedenswillen geprägt, einem Wunsch, dass sich derart Schreckliches nie wiederholen dürfe. Das wurde schon in der Geburtsstunde der Städtepartnerschaft vor fast 30 Jahren durch eine besondere Geste zum Ausdruck gebracht. Gleichzeitig mit Wolgograd ging die Stadt Köln mit der amerikanischen Metropole Indianapolis eine Städtepartnerschaft ein. Mitten in Zeiten des Kalten Krieges gaben sich die Oberbürgermeister im Ratssaal der Stadt Köln die Hand, um damit ihren Willen zur gegenseitigen Verständigung und Zusammenarbeit zu bezeugen.  Diese Symbolik ist auf allen Seiten bis heute nicht vergessen.
 

3.      Im nächsten Jahr feiert die Partnerschaft Köln – Wolgograd das 30-jährige Jubiläum. Wo sollte Ihrer Meinung nach die Entwicklung in der kommunalen Kooperation hingehen? Welche Bereiche der Zusammenarbeit sind die Wichtigsten?

Jürgen Roters:  Zunächst ist es von hoher Bedeutung, dass die langjährigen Kontakte auch weiterhin gepflegt werden. Der Kölner "Wolgograd-Verein" zählt mehr als 80 Mitglieder, die sich regelmäßig treffen und gegenseitige Aktivitäten vorbereiten und begleiten. Erfreulich ist, dass auch eine Reihe von jungen Leuten ein Interesse an der Arbeit haben; zum Beispiel junge Auszubildende, die an einem Naturprojekt in Wolgograd teilgenommen hatten und jetzt begeistert bei der Sache sind.

Nach meiner Einschätzung sollten sich die Städtepartner verstärkt auch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit widmen. Das gilt insbesondere für die Bereiche der Daseinsvorsorge, wie z.B. Energieversorgung, Abfallentsorgung oder neue Formen im Bereich der Digitalisierung. Ansatzpunkte könnten hier die Themen "e-government" und "Telemedizin" sein.  


Sehr geehrter Herr Roters, wir bedanken uns herzlich für das interessante Gespräch.