Drei Fragen an Peter Möller

Geschäftsführender Vorstand der Eberhard-Schöck-Stiftung

Peter Möller studierte in Hamburg und St. Petersburg Politikwissenschaft und Slawistik und ist seit 1993 bei der Eberhard-Schöck-Stiftung, seit 2012 als Geschäftsführender Vorstand.
Anfangs als Koordinator und erster Mitarbeiter baute er die Programmbereiche auf und entwickelte die Stiftung gemäß den Zielen des Stiftungsgründers kontinuierlich weiter. Aus den anfänglichen Praktikantenprogrammen wurden komplexe Projekte zur Modernisierung der beruflichen Bildung in Russland, der Ukraine und der Republik Moldau. Ein wichtiges Element sind die Jugendbegegnungen im Rahmen von Austauschprojekten für Berufsschüler. Die Eberhard-Schöck-Stiftung beschäftigt aktuell fünf hauptamtliche Mitarbeiter und zehn freiberufliche Experten in den Projekten.
Peter Möller ist außerdem Präsident der Stiftung zur Förderung des Bauwesens in Kiew, einer Tochterstiftung der Eberhard-Schöck-Stiftung.
 

1.   Sehr geehrter Herr Möller, die Eberhard-Schöck-Stiftung ist auf die Modernisierung der bauhandwerklichen Berufsbildung in Mittel- und Osteuropa spezialisiert. Was waren die Motive der Stiftungsgründer gewesen, sich in diesem Bereich zu engagieren?

Peter Möller:   Zum einen kommt der Stiftungsgründer Eberhard Schöck selbst vom Handwerk her. Als gelernter Maurer und späterer Bauingenieur hat er selbst das Bauen von Grund auf kennengelernt. Zudem bietet sich im Rahmen des Bauhandwerks durchaus die Möglichkeit, sich mit einem kleinen Betrieb selbstständig zu machen. Gerade in der Anfangszeit der Stiftung war uns die Gründung von kleinen Unternehmen und damit der Unterstützung beim Aufbau eines Mittelstandes ein zentrales Anliegen.
 

2.   Anfang September hat die Eberhard-Schöck-Stiftung in Jekaterinburg eine weitere Vereinbarung über die Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium des Swerdlowsker Gebietes und seinem langjährigen Projektpartner, dem Uraler College für Technologie und Unternehmertum, unterzeichnet. Damit wird die überaus erfolgreiche Kooperation zur Modernisierung der Berufsausbildung im Handwerk bis Ende 2022 fortgesetzt. Welche konkreten Ziele verfolgt man bei dieser Kooperation?

Peter Möller:  Der  Bedarf an qualifiziertem Personal im Bau-Handwerksbereich in Russland immens. Daran hat sich auch in den über 20 Jahren unseres Bestehens nichts geändert. Alle neuen Materialien und Technologien sind im Prinzip verfügbar. Was oft fehlt ist das Wissen, diese Dinge adäquat anzuwenden. Daher haben wir in vielen Handwerksberufen an unsere Jekaterinburger Partnerschule die Ausbildung von Grund auf modernisiert. Sowohl fachlich als auch didaktisch wird hier inzwischen modern und nach westlichen Standards ausgebildet. Insbesondere die praktische Ausbildung nimmt einen großen Raum ein. Da es das duale Ausbildungssystem nicht gibt, muss die gesamte Praxis in der schulischen Ausbildung erfolgen. Das stellt hohe Anforderungen an die Ausstattung und an den Lehrkörper.

Alle Ausbildungsgänge sind in enger Abstimmung mit dem Bildungsministerium modernisiert worden und haben die entsprechende Anerkennung. Die aktuelle Vereinbarung betrifft die Sicherung und Weiterentwicklung der Projektergebnisse. Auch in Deutschland bleibt ja das System der Beruflichen Bildung nicht stehen. Lehrer werden z. B. nachgeschult und auf den neuesten Stand gebracht.


3.   Die Eberhard-Schöck-Stiftung  hat in diesem Jahr unter anderem das Projekt zum Berufsschulaustausch zwischen Augsburg und Jekaterinburg gefördert. Die Austauschprogramme zwischen den deutschen und russischen Berufsschüler sind etwas Besonderes im vielfältigen Spektrum der zivilgesellschaftlichen Kooperation beider Länder. Können Sie uns über dieses Projekt etwas erzählen? Wie wurde die Idee geboren?  Wie entwickelt sich der Austausch? Was ist für die weiteren fünf Jahre geplant?

Peter Möller:   Der Kontakt mit Augsburg wurde auf der Projektschmiede 2015 in Moskau geknüpft. Solche Veranstaltungen sind sehr wichtig. Da können sich mögliche Projektpartner persönlich kennenlernen und schnell in Kontakt treten.

Die Unterstützung des Berufsschüleraustausches ist für uns besonders wichtig, weil in den Händen der jungen Menschen die Zukunft liegt. Und die Begegnung mit Russland sollte nicht nur den Gymnasiasten und Akademikern vorbehalten bleiben, sondern in der Bevölkerung breiter aufgestellt sein. Die Berufsschüler hätten normalerweise gar keine Möglichkeit, nach Russland zu kommen, und – zugegebenermaßen – auch kein großes Interesse. Umso wertvoller sind die Erfahrungen der Schüler in ihren Rückmeldungen. Jeder einzelne hat sein Gastland positiv erlebt, Menschen kennengelernt, mit denen er nicht unbedingt eine gemeinsame Sprache spricht und dennoch viel Verbindendes erlebt. Und die gemeinsame Arbeit an einem handwerklichen Projekt sorgt für Stolz auf das gemeinsam Erreichte.

In Augsburg findet nach einem sehr gelungenen Schüleraustausch derzeit ein Qualifizierungsprogramm für einen russischen Ausbildungsmeister statt. Weitere Begegnungen auf Schüler- und Lehrerebene sind angedacht. Sehr lebendig entwickelt sich auch die Beziehung zwischen Kassel und der Partnerstadt Jaroslawl, auch hier wird es in diesem Jahr nach mehreren Informations- und Qualifizierungstreffen zu einer Schülerbegegnung kommen.

Wichtig ist auch, die Schulen nicht zu überfordern. Ein Austauschprojekt bedeutet immense Mehrarbeit für alle Seiten. Das muss auch mit Augenmaß angegangen werden. Hier helfen wir mit unseren Erfahrungen. Ganz allgemein helfen wir bei der Planung, bei der Organisation und – auf der russischen Seite – auch finanziell.


Sehr geehrter Herr Möller, wir bedanken uns herzlich für das interessante Gespräch.