Interview mit Thomas Hoffmann

Im Interview spricht Thomas Hoffmann, Geschäftsführer, Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, über die Ziele des Jugendforums der Deutsch-Russischen Städtepartnerschaften und die Perspektiven der teilnehmenden Teams.

Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA) setzt sich seit 15 Jahren für den deutsch-russische Jugend- und Schüleraustausch ein. 2017 hat sich die Stiftung DRJA mit der Initiative des ersten Jugendforums der Deutsch-Russischen Städtepartnerschaften in Kooperation mit dem Deutsch-Russischen Forum e.V. erstmals dem kommunalen Austausch zugewandt. Inzwischen findet das 3. Jugendforum der Deutsch-Russischen Städtepartnerschaften statt. Welche Möglichkeiten und Perspektiven sehen Sie im Bereich der Städtepartnerschaften für die Arbeit und Ziele der Stiftung?

Die Frage ist so nicht ganz zutreffend gestellt. Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch hat sich seit der Gründung mit kommunalen Austausch beschäftigt. Die Unterstützung der Städtepartnerschaften ist explizit ein Punkt des deutsch-russischen Jugendabkommens, das die Grundlage für unsere Aktivitäten bildet. Deshalb hat von Anfang an die Beratung, Unterstützung und Finanzierung von Projekten des Jugendaustausches in kommunalen Zusammenhängen eine bedeutende Rolle gespielt.

Allerdings ist es richtig, dass wir in dieser Zusammenarbeit eine eher passive Rolle eingenommen haben, in dem wir Initiativen kommunaler Akteure unterstützt haben, aber diese nicht selbst initiiert haben. Hierbei ist sicherlich auch ein nicht unwesentlicher Faktor, dass im außerschulischen Austausch eine finanzielle Unterstützung der kommunalen Ebene nicht unmittelbar erfolgen kann, sondern nur über den Weg der Länderzentralstellen. Dies sorgt bereits für eine strukturelle Entfernung zwischen uns als Zuwendungsgeber und den Antragsstellenden.

In den letzten Jahren haben sich die strategischen Ziele der Stiftung verändert, was dazu geführt hat, die bisherigen Ansätze, Arbeitsweisen und Zugänge zu überdenken. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Ein wichtiger Punkt in diesem Zusammenhang ist, neue Zielgruppen in den deutsch-russischen Jugendaustausch einzubeziehen. Dabei geht es uns darum, Zielgruppen zu erreichen, die bisher unterrepräsentiert sind oder den Austausch in Regionen zu tragen, in denen bisher kein oder wenig Austausch stattfand. Leitgedanke hierbei ist, dass internationaler Jugendaustausch allen jungen Menschen offen stehen sollte. Diese Sichtweise wird von unseren Kolleginnen und Kollegen im Russischen Koordinierungsbüro geteilt. Deshalb unternehmen wir viele Anstrengungen wie beispielsweise durch Regionalseminare in den russischen Regionen Jugendaustausch zu initiieren oder durch Projektschmieden und Fachtage den beruflichen Austausch zwischen Deutschland und Russland zu stärken.

 

Durch eine neue Förderlinie wollen wir die Kooperation von Jugendarbeit und Schule als gleichberechtigte Partner stärken, weil wir dadurch auch Zielgruppen erreichen, die wir bisher kaum im Austausch finden. Bei allen genannten Punkten spielt die kommunale Ebene eine herausragende Rolle. Wir brauchen eine stärkere Kooperation und Kommunikation mit der kommunalen Ebene, um dem Ziel der Einbeziehung neuer Zielgruppen näher zu kommen. Das Jugendforum ist ein wertvolles Element, um in diesem Prozess selbst aktiv auf die Kommunen zuzugehen und Jugendaustausch als wichtigen Teil von Städtepartnerschaften zu stärken. Nicht zu unterschätzen ist, dass die Städtepartnerschaften – wie alle langfristigen Partnerschaften – ein wichtiges stabilisierendes Element der Jugendbeziehungen beider Länder sind. Auch in Zeiten der politischen Krise wird die Zusammenarbeit (mit wenigen Ausnahmen) fortgeführt und mancherorts eher noch verstärkt.

Wir glauben, dass der Jugendaustausch in vielen Städtepartnerschaften aber noch eher eine Randerscheinung ist und Potentiale kaum oder gar nicht genutzt werden. Beispielsweise könnten Städtepartnerschaften viel mehr Schulpartnerschaften anregen oder die Chancen des beruflichen Austausches für die Stärkung der interkulturellen Kompetenzen von Auszubildenden in den Partnerstädten nutzen. Entsprechend aktiv wollen wir für mehr Jugendaustausch in all seinen Formen in den Städtepartnerschaften werben und stehen als Fachinstitution für die Unterstützung neuer Initiativen zur Verfügung.

Bei dem diesjährigen Jugendforum werden 11 deutsch-russische Teams neue Projektideen für die deutsch-russische Jugendarbeit ausarbeiten und präsentieren. Welche langfristigen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den Projektteams sieht die Stiftung DRJA in Anknüpfung an das Jugendforum? 

Bei diesem Jugendforum werden wir wieder eine Vielzahl von jungen Menschen aus beiden Ländern in Städtepartnerschafts-Teams zusammenführen, die sich bereits mit konkreten Projektideen für das Jugendforum beworben haben. Bei dem Jugendforum bekommen sie unter fachlicher Anleitung die Möglichkeit, diese Ideen weiter auszuarbeiten. Wir erhoffen uns, von den jeweiligen Teams, dass sie sich im Anschluss in den jeweiligen Zusammenhängen der Städtepartnerschaft einbringen und ihre Projekte gemeinschaftlich umsetzen. Deshalb ist für uns das Kennenlernen der Teams mit den Kuratoren der Städtepartnerschaften wichtig, damit die Projekte nicht wie ein Fremdkörper in der Städtepartnerschaft wirken. Außerdem wollen wir den Sommer nutzen, um Austauschprojekte, die den Förderkriterien unserer Stiftung entsprechen, durch ein erweitertes Coaching bis zur Antragsreife zu begleiten. Wir gehen davon aus, dass dadurch die Anzahl von konkreten Begegnungsprojekten steigen wird.

Was waren Ihre persönlichen Highlights der ersten beiden Jugendforen 2017 in Krasnodar und 2018 in Hamburg?

Das ist eine schwierige Frage, weil bei beiden Jugendforen war ich zwar zeitweise anwesend, konnte aber nicht alle Arbeitsgruppen gleich intensiv begleiten. Deshalb ist es nicht ganz fair nun einzelne Projekte hervorzuheben, weil auch die Teilnehmenden der jeweiligen Städtepartnerschafts-Teams auf einem unterschiedlichen Wissenstand waren. Beeindruckend war aber auf jeden Fall, die Intensität der Veranstaltungen durch die hohe Motivation der Teilnehmenden. Deshalb finde ich es wichtig, dass man den Willen der jungen Menschen ernst nimmt, sich einbringen zu wollen und ihnen Chancen bietet, dies zu tun. Hierbei stellt sich auch die spannende Frage, wie offen Städtepartnerschaften sind, für die Bürgerinnen und Bürger, die sich beteiligen wollen.

Was möchten Sie den diesjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit auf den Weg geben?

Unser Motto in diesem Jahr ist „Dein Projekt zählt“. Dieses Motto ist ernst gemeint, denn auch kleine Projekte für eine sehr begrenzte Zielgruppe können viel bewirken für die Menschen, die dabei beteiligt sind und ihr jeweiliges Umfeld. Jedes Projekt im deutsch-russischen Austausch ist bedeutsam, um für Frieden und Verständigung zu werben.