Kulturbegegnung Badenweilers mit Kisslowodsk - dem berühmten Mineralwasserkurort im Kaukasus

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Für zwei Tage (20./22.11.2019) waren die Theater- und Museumsdirektorin Valentina Intosimi und ihr Mann, Prof. Dr. Alexander Portnjagin, aus dem Mineralwasserkurort Kisslowodsk im Nordkaukasus nach Badenweiler gereist, um sich von Museumsleiter Heinz Setzer den "Tschechow-Salon" und das Literaturarchiv Badenweilers zeigen zu lassen. Setzer hatte beide bei der Internationalen Bachruschin-Museumskonferenz im Oktober in Moskau kennen gelernt, wo sie ihren lang gehegten Wunsch geäußert hatten, den Sterbeort Tschechows, näher kennen zu lernen.

Neben Badenweiler standen noch Archivbesuche in München und Berlin auf ihrem Reiseprogramm. In Kisslowodsk sind beide Leiter des kombinierten Theaters und Museums "Blagodat" ("Segen), dessen Gründung noch vor die Oktoberrevolution zurückreicht, und das nach der Auflösung der Sowjetunion wiederbelebt wurde. Das nordkaukasische Kisslowodsk, was "Sauerbrunnen" bedeutet, gilt zusammen mit dem neuen, von Putin gegründeten südkaukasischen Sotschi als der bekannteste russische Kurort des Kaukasus. Gegründet wurde die Stadt als Festung gegen die kaukasischen Bergvölker 1803 von Zar Alexander I., dem "Schwiegersohn Badens". Schon bald zogen es Schriftsteller, Künstler, Komponisten zu den dortigen Mineralquellen. Einer der frühesten Autoren war Michail Lermontov, der 1840 in der Nachbarstadt Pjatigorsk im Duell fiel. Aber auch Leo Tolstoj, Schaljapin, Rachmaninow und andere bekannte Namen finden sich in der Gästeliste Kisslowodsk, und der Nobelpreisträger A. Solschenizyn wurde dort geboren. Im August 1896 - das Schauspiel "Die Möwe" war gerade fertig geworden - reiste auch Anton Tschechow aus seinem Hofgut in Melichowo in den Kurort. Um die Jahrhundertwende war es bereits ein Nobelkurort, manchmal als "russisches Baden-Baden" bezeichnet, mit Theater, Hotels, Sanatorien und einem großen Kurpark. Wie Frau Imtosimi begeistert bemerkte, ähnelt Badenweiler von Architektur, Klima und Berglandschaft Kisslowodsk, allerdings im größeren Maßstab: die Stadt hat heute128.000 Einwohner. 

Das Museum "Blagodat" besitzt eine besondere thematische Ausrichtung: es dokumentiert Spuren von berühmten Russen, die durch das Schicksal ins Ausland getrieben wurden. Somit entsteht, wie der Museumskatalog zeigt, ein höchst unterschiedliches Bild, zusammengehalten allerdings durch den Bezug zu Kisslowodsk. So gibt es dort etwa eine Abteilung für die Sängerin und Lyrikerin Anna Marly (eigentlich Anna Betulinskaja), die im Exil in Frankreich im Zweiten Weltkrieg als Partisanin kämpfte und mit ihrem Lied "Le chant des partisans / Marsch der Partisanen" noch heute in Frankreich bekannt ist. Auch für den Oberkommandierenden der russischen Armee im Ersten Weltkrieg, A. Koltschak der 1920 von der Roten Armee erschossen wurde, und seiner Kisslowodsker Geliebten Anna Timirjowka, aber auch für den Erfinder des modernen Hubschraubers, I. Sikorski, der in die USA emigrierte, finden sich dort Abteilungen. Theateraufführungen als dramatische Vergegenwärtigung der Historie ergänzen das Museumsprogramm. Portnjagin, der nach 1991 viele Jahre in den USA und in Deutschland als Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen arbeitete, forscht seither gemeinsam mit seiner Frau in der ganzen Welt nach solchen russischen Spuren. Da die Familien Tschechow und Knipper, etwa der Schauspieler und Regisseur Michail Tschechow und die Schauspielerinnen Olga und Vera Tschechowa, auch mit Deutschland verbunden sind, ergab sich das Interesse beider Gäste für Deutschland und Badenweiler zwangsläufig. Trotz eines üblen Nebelwetters, das keinerlei Fernsicht in die Rheinebene erlaubte, waren beide von Badenweiler und seiner literarischen Gedenkkultur begeistert - nur eines wurde beklagt: es gab in keinem Restaurant deutsche Bratwürste, die offenbar für Russen legendären Ruf genießen.

 

Text und Foto: Heinz Setzer

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