Deutsch-russische Projekte und Begegnungsarbeit in Landshut

Begegnungsarbeit braucht Zufälle

Meist sind Großprojekte auch Leuchtturmprojekte. Trotzdem berechtigen sie nicht dazu, den persönlichen Begegnungen, der Vernetzung Einzelner, dem wechselseitigen Austausch ohne großen Aufwand und langjährigen Kontakten, also der Begegnungsarbeit im kleinen Maßstab, Bedeutung und Wirkung abzusprechen.

Ein Beispiel dafür:                

Schweizer Bekannte wollten im Gespräch nicht zurückstehen und mit ihren geschichtlichen Beziehungen zu Russland punkten. „Wer kennt den Namen des russischen Generals, der mit seiner Truppe unsere Schweiz von Belinzona über das schluchtenreiche Gebiet um den St. Gotthard Pass nach Lindau durchquert hat?“ Große Zweifel, ob denn jemals ein russischer Soldat die Schweiz betreten habe, aber überwiegend Verwunderung, Erstaunen und das Eingeständnis des großen Nichtwissens waren die Reaktionen.

Diesen halsbrecherischen Marsch von General Suworov wollen 2019 mutige Kadetten aus Petersburg in Originaluniform auf Schweizer Boden wiederholen.1799. also vor 220 Jahren, vertrieb General Suworov zusammen mit den Italienern die Franzosen, da sich die übrigen Herrscherhäuser gegen die Französische Revolution und deren Gedankengut stemmten. Aber der Kampf war nicht nur erfolglos, sondern auch der Auftakt zum Aufstiegs Napoleons, der 1812 vor Moskau stand.

Den Kadetten wollen es viele Gruppen Jugendlicher gleichtun, wenigstens ein Stück dieses Gewaltmarsches nachzuvollziehen, um so der Soldaten, vor allem aber des Generals Suworov zu gedenken, der mit Führungsstärke seinen Soldaten ohne Meuterei höchste Anstrengungen abverlangte. Wie kommt es, dass eine unternehm-ungsfreudige und dem interkulturellen Lernen verpflichtete Nowosibirskerin genau diese Idee mit Jugendlichen umsetzen will?

Ein Bekannter der Schweizer Gesprächspartner hatte die Informationen an sie weitergegeben und stellte den Kontakt zur Botschaft der Russischen Föderation in Bern hergestellt. Der wichtigste Hinweis aus dem Antwortschreiben bestand darin, dass jedes Projektvorhaben begrüßt wird; außerdem enthielt sie wichtige Links, um sich mit Unterstützern vernetzen zu können. So ist nun ein Projekt in Arbeit, das seinen Anfang in einer belanglosen Unterhaltung nahm, beherzt aufgegriffen wurde und sich zu einem Projekt der Begegnung mit Geographie, Geschichte und Menschen der auf ihre Neutralität pochenden Schweiz zu entwickeln scheint. Gleichzeitig belegt es aber auch die Wichtigkeit jeder Begegnungsarbeit, so dass auch gerade deswegen nur noch gutes Gelingen zu wünschen bleibt.

In Landshut werden deutsch-russische Kleinprojekte und Begegnungsarbeit erfolgreich durchgeführt

Alles begann mit Mundpropaganda und persönlicher Initiative. „Wer bei mir Deutsch lernt, dem vermittle ich einen Aufenthalt in Deutschland“ – mit diesen Worten warb die Leiterin des Nowosibirsker Sprachstudios „Bunte Zeit“ um Schüler, die Interesse an der deutschen Sprache und Deutschland haben. Zwei davon lud die Sprachenschule der Volkshochschule Landshut 2017 für drei Wochen ein, wobei Landeskunde nicht zu kurz kam. Eine der beiden ist Mediengestalterin, die schon viele Proben ihres Könnens in Form von Visitenkarten, Signets und Flyern abgeliefert hat.

Die angehende Managerin und Pressesprecherin eines Instituts der Akademie der Wissenschaften in Akademgorodok konnte in den Stadtwerken Landshut, sehr gut betreut, wunschgemäß hospitieren.

Dass dort ein sehr bemerkenswertes Arbeits- und Lernklima herrschte, belegt die Tatsache, dass die Schülerin gleichsam ihre Lehrerin nach Nowosibirsk einlud und gemeinsam Wanderungen im Naturschutzgebiet des Altais, ganz nah der chinesischen Grenze unternahm.

Welche Auswirkungen gut gelungene Aufenthalte haben können, zeigt sich in dessen Ergebnis. So organisierte sie mit großem Einsatz das Wintermärchen für eine Reisegruppe von 13 Teilnehmern, Silvester 2018/19 in Sibirak feiern zu können. Das Generalkonsulat bestätigte den Besuchern mit großer Anerkennung, dass noch nie im tiefsten sibirischen Winter eine so große und mutige Gruppe begrüßt werden konnte.  Zum abwechslungsreichen Programm gehörten der Besuch einer original russischen Sauna (Banja) mit Eintauchen ins Eisloch, Schneemobilfahren, Hundeschlittenfahrten und Reiten durch die Winterlandschaft der Taiga. Den Höhepunkt bildete dann die all inclusive Silvesterfeier und der musikalische Genuss der Tschaikovky Operette „Der Nussknacker“ in eindrucksvoller Weise im zweitgrößtem Opernhaus Russlands in Nowosibirsk.

Ein Radiologe konnte von einer engagierten Heidelberger Dolmetscherin im medizinischen Bereich, die 2007 selber innerhalb der Landshutwoche während des Deutschlandseminars der Ost-Westgesellschaft Baden-Württemberg die Stadt Landshut kennenlernt hatte, ein dreiwöchiges Praktikum an der UNI-Klinik in Frankfurt am Main vermitteln.

Mittlerweile gelang es, dem Radiologen im September 2019 ein zweites Praktikum zu vermitteln. Neben der fachlichen Fortbildung bekommt er auch Einblick in den Ausbau der Radiologischen Abteilung eines Kreiskrankenhauses. Jetzt geht es darum, alle Voraussetzungen zu schaffen, ein möglichst effektives Praktikum zu organisieren und nebenbei möglichst viel,Landeskunde zu erleben. Dies fällt zweifellos als Aufgabe auch in den Bereich der Begegnungsarbeit im Ehrenamt.

Immaterielle Hilfe

Eine enorm wichtige, aber wenig öffentlichkeitwirksame Aufgabe individueller Begegnungsarbeit ist die Unterstützung in besonderen Situationen. Dazu zählt die Unterstützung einer von Krebs geheilten Doktorandin durch Beratung in sprachlichen Fragen ihrer Veröffentlichungen und Vorträge.

Auf Grund ihrer Krankheitsgeschichte wurde sie nach Berlin eingeladen, um aus ihrer Erfahrung mit Pflege und narrativer Medizin zu referieren. In ihrem beachtetem Vortrag behandelte sie das Thema: „Die Pflege aus dem Geiste der russischen Orthodoxie“. Dass davon viele Anregungen in die Pflegegesetzgebung übernommen werden, wäre wünschenswert. Nachdem ihr ein DAAD-Stipendium zugesagt wurde, wird sie für ihre Doktorarbeit an drei Kliniken Arbeitsweise, Ergebnisse und Zusammensetzung von Ethikkommissionen vergleichen.  

Eine Tasse Tee für Tschumakovo

Der Verkaufsstand „1 Tasse Tee für Tschumakovo“ auf dem Europäischen Bauern-markt vom 02.11. – 04.11.2018 fiel aus der Reihe und dafür umso mehr auf. Hier wird Tee, von der Vestenbergskreuther Teefirma gespendet, gekocht, ausgeschenkt, aber auch in verschiedenen Sorten in Packungen zum Kauf angeboten. Selbstverständlich erwiesen sich die Matrjoschkas, neben Gegenständen der Birken-holzkunst, Schals und anderen Kleingegenstände als die Renner des Marktes.

Zugleich bildete der Stand ein Forum für viele Informationsgespräche über Russland, um bei einer Tasse Tee sich auszutauschen, während das so in kleiner Münze ein-gesammelte Geld Kindern mit genetischen Defekten und Lehrerinnen, die sie unterrichten, zugutekommen soll. Diese gesteckten Ziele umzusetzen steht 2019 an. Bemerkenswert ist, dass sich selbst an so einem kleinen Stand, in vielen kurzen Gesprächen ein ständig sinkendes Interesse an Russland abbildet. 

Das Regionalzentrums für Diagnostik und Beratung in Nowosibirsk strebt eine Zusammenarbeit mit deutschen Einrichtungen an, die Inklusion nicht nur lehren, sondern auch praktisch umsetzen und zeigen. Kurz gesagt: Welche Probleme treten bei der Inklusion von der Kita bis zur Universität auf. So soll das erwirtschaftete Geld zum einen Lehrerinnen zugutekommen, die sich in der Inklusionspädagogik fortbilden wollen und der andere Teil einer Einrichtung, die Internate mit Geld unterstützt, die Kinder mit genetischen Defekten betreuen. Glücklicherweise hat die Studentin, die 2007 in Landshut war, mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit nicht nur 2018 dem Radiologen ein Praktikum vermittelt, sondern auch ein Projekt über diese Thematik auf den Weg gebracht und dafür auch eine Förderung zugesagt bekommen. Neben den Projektzielen, können dann auch die Vorstellungen derLeiterin des Regionalzentrums mit 2 Lehrerinnen über Umwegen erfüllt werden, da sie eingeladen werden kann.

Der Wunsch von Deutschlehrerinnen aus Nowosibirsk: Fachliche Fortbildung und erlebte Landeskunde

Viel Zeit und Kraft erfordert die Suche nach Deutschkursen und repäsentativer Landeskunde. Bis jetzt steht dieser Wunsch von 6 – 10 Deutschlehrerinnen aus der Technischen Universität Nowosibirsk als anscheinend unerfüllbar auf der Agenda für Begegnungsarbeit. Ist es schon schwer genug, einen qualifizierten Deutschkurs zu finden, so ist ein Beiprogramm zu organisieren, um Landeskunde nicht unterrichtsmäßig zu vermitteln, sondern zu erleben zu lassen, ohne großzügige Finanzierung kaum zu schaffen.

Dennoch besteht die Hoffnung auf Synergieeffekte und eine sich findende Geldquelle. Die Lehrerinnen sind nicht nur dankbar dafür, sondern entwickeln eine viel größere Werbewirksamkeit für das Wahlfach Deutsch an den Schulen, an denen sie Deutsch unterrichten. Welche Auswirkungen dagegen fehlende Landeskunde haben kann, beklagte einmal eine Deutschlehrerin mit folgender Tatsache: An unserer Schule erteilt eine Amerikanerin den Englischunterricht, die mit ihrem amerikanischen way of life zu beeindrucken weiß und auf Fragen der Schüler immer authentisch und schlagfertig Auskunft geben kann. Die Deutschlehrerin dagegen war nicht einmal in Deutschland und anstatt Fragen souverän zu beantworten, muss sie erst Informationen einholen, auf eine Literaturquelle verweisen oder Ihr Nichtwissen eingestehen. Es versteht sich von selbst, für welche Fremdsprache sich die Schüler auf Grund von Mundpropaganda entscheiden. Darum gehört es zur Begegnungsarbeit die eigene Sprache außerhalb des Mutterlandes nach Kräften zu fördern. 

 

Ansprechpartner in der Stadt Landshut

Rupert Aigner
Stadt Landshut
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Quelle: Text und Bilder  Maximilian Sailer, Begegnungsarbeit im Ehrenamt