Theaterprojekt Aachen – Kostroma

Durch die Initiative der zwei Lehrerinen aus Aachen  Frau Dr. Eva David-Ballero und Frau Ruth Rebière und mit der Unterstützung des Städtepartnerschaftsvereins Aachen - Kostroma e.V. wurde eine neue Schulpartnerschaft zwischen Anne Frank Gymnasium und dem Gymnasiums Nr. 33 aus der russischen Partnerstadt Kostroma ins Leben gerufen.

Frau David-Ballero studierte mit dieser Gruppe, bestehend aus acht Mädchen und fünf Jungen im Alter von 14 bis 17 Jahren, das Theaterstück „ÜberLeben“ in deutscher und russischer Sprache ein. Das Theaterstück wurde von Frau David-Ballero persönlich verfasst und handelt vom Schicksal eines russischen Mädchen Lena Muchina, das während der Blockade von Leningrad seine ganze Familie verliert. Im Gegenzug studieren die Aachener Schüler des Anne-Frank-Gymnasiums, unter der Leitung von Frau Ruth Rebière, ein von Frau David-Ballero ebenfalls geschriebenes Theaterstück  über Anne Frank ein.

Das Projekt strebt an, die Erfahrungen von Kindern als Opfer von Holocaust und Völkermord während des Zweiten Weltkriegs mittels ihrer schriftlichen und mündlichen Zeugnisse in einem Theaterprojekt zu verarbeiten und der Öffentlichkeit in Aachen und Kostroma zu präsentieren.

Während das Schicksal der jüdischen Opfer des Holocaust (hier das der Anne Frank) schon umfangreich aufgearbeitet worden ist, sind die traumatischen Erfahrungen der insbesondere jungen Menschen, die die  Blockade Leningrads durch die deutsche „Wehrmacht“ (1941-1944) überlebt bzw. nicht überlebt haben, kaum in die Erinnerungskultur der BRD eingegangen.

Zwar wurde das Kriegsansinnen der NS-Führung und ihrer Verbündeten gegenüber der Sowjetunion in den 80er/90er Jahren insofern begrifflich angemessen als „Vernichtungskrieg“ erfasst, dessen Ziel die Dezimierung und Versklavung der russischen Bevölkerung war, aber der historische Präzidenzfall der Blockade einer Millionenstadt mit dem expliziten Ziel ihrer „Aushungerung“, wird im Rahmen der  Historiographie zu den „Verbrechen der deutschen Wehrmacht“ unzureichend thematisiert.

Auf der anderen Seite ist die Beschäftigung mit dem Holocaust in russischen Geschichtsbüchern kaum vorhanden, was jedoch zunehmend den Wunsch bei russischen Geschichtspädagogen generiert, dieses Thema aufzugreifen und in den Geschichtsunterricht zu integrieren. Das Schicksal der Anne Frank stieß von daher auf großes Interesse seitens des Gymnasiums Nr. 33 in Kostroma.

In ihren Tagebüchern verarbeiten zwei junge Frauen (Anne Frank und Lena Muchina) ihre traumatischen Erlebnisse als Eingeschlossene bzw. Belagerte, die täglich mit dem Tod konfrontiert sind.

Während Anne Frank in der Zeit ihres gefährlichen – weil doch unsicheren – Untertauchens im Amsterdamer „Hinterhaus“ ihr Eingeschlossensein mit Hoffnungen auf ein „Leben danach“ zu bewältigen versucht, beschäftigt sich Lena Muchina mit der physischen (und psychischen) Verdrängung des Todes, genau wissend, dass in dem Moment, in dem sie nicht mehr an seine Überwindung glaubt, ihm geweiht ist – wie dies mit den vielen Angehörigen um sie herum geschah.

Beide eint also der Wille zu überleben.
So ist es zu einem Stück über LEBEN.

Annes Hoffnung erfüllt sich nicht: sie stirbt im KZ Bergen-Belsen, wie auch alle Untergetauchten des Hinterhauses außer ihrem Vater, der allerdings ihr Tagebuch findet und es veröffentlicht.
Lena überlebt die Blockade 1942 durch ihre Evakuierung, aber ihre Erinnerungen werden erst nach ihrem Tod veröffentlicht – beide haben also für die Nachwelt geschrieben, ohne es zu wissen.

Die russische Schülertheatergruppe beschäftigte sich zunächst intensiv mit den schriftlichen Dokumenten (Tagebücher). Die Beschäftigung mit den noch lebenden Zeitzeugen der Blockade (ehemalige nach Kostroma evakuierte Kinder, „blokadniki“) konnten das Verständnis für Lena Muchina fördern. Im Schulprofil des Anne-Frank-Gymnasiums spielt die Beschäftigung mit Anne Frank, ihrem Tagebuch und dem Holocaust eine besondere Rolle. Am Gymnasium Nr. 33 in Kostroma wird ein besonderer Wert auf die Einkehr des Unterrichts über den Holocaust in die Lehrpläne des Geschichtsunterrichts an russischen Schulen gelegt.

Zeitliche und inhaltliche Realisierung:

  • Oktober - Dezember 2017/ Januar – März 2018: Erarbeitung des dt.-russ. Theaterstücks mit der Deutsch-Klasse des Gymnasiums Nr. 33 in Kostroma (RF) durch die Projektleiterin Eva David-Ballero
  • Erste Begegnung in Aachen: 13. - 23. April 2018
  • Aufführungen des Theaterstücks am 20. April am Anne-Frank-Gymnasium Aachen
  • Zweite Begegnung in Kostroma: 10. - 17. September 2018
  • Aufführungen des Theaterstücks am 13. und 14. September

Die Kostromaer Öffentlichkeit zeigt ein großes Interesse an diesem Projekt. Es kam zu Interviews seitens des russischen staatlichen und lokalen Fernsehens. In Aachen wurde die Gruppe ebenfalls in der Lokalzeit des WDR mit einem kurzen Beitrag bedacht.

Autorin, Projektleiterin und Regisseurin:
Dr. Eva M. David-Ballero
Politikwissenachftlerin/Theaterpädagogin, Aachen

Regisseurin am Anne-Frank-Gymnasium:
OStR Ruth Rebière
Aachen